2007

 

 

Wir waren Nachbarn – 109 Biografien jüdischer Zeitzeugen
Themenschwerpunkt: Erinnerungsformen

 

Zum dritten Mal eröffnete die Intervallausstellung „Wir waren Nachbarn“ am Sonntag, dem 28. Januar 2007 mit einer Gedenkveranstaltung im Willy-Brandt-Saal des Rathauses Schöneberg, traditionell zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.
Naftali Fürst, Max Hamburger und Nikolas Grüner, Überlebende des Holocaust, nahmen an der diesjährigen Feierstunde zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus im Berliner Reichstag teil. Sie berichteten auf eigenen Wunsch und durch die Vermittlung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG Berlin) anlässlich der Gedenkfeier am 28. Januar 2007 im Foyer des Rathauses Schöneberg über ihre Erlebnisse zur Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung und danach.
Im April 1945 ging ein Foto um die Welt: Es zeigt 25 zum Skelett abgemagerte Männer in einer Baracke des Konzentrationslagers Buchenwald auf vierstöckigen Holzpritschen wenige Tage nach der Befreiung durch amerikanische Soldaten. Unter ihnen sind Naftali Fürst, Max Hamburger und Nikolas Grüner. Die drei Häftlinge kannten sich damals nicht. Sie sind sich erst wieder im November 2006 begegnet, als die Künstlerin Christiane Rohleder ein Zusammentreffen anlässlich einer Gedenkveranstaltung in Siegburg organisierte. Heute sehen sich die Drei als Brüder: „Das einzig Positive an den furchtbaren Geschehnissen“.

Sieben neue Alben über Familien aus Schöneberg und Tempelhof wurden für die Ausstellung zusammengetragen, darunter über die Familie Sello, die in die Türkei emigriert ist. Mit dieser und einer Ländertafel über die Emigrationsbedingungen in der Türkei wurde auf viele Nachfragen, insbesondere von Schülern, reagiert.

Der thematische Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf Formen von Erinnerungsarbeit, dem Erfahrungswissen von Zeitzeugen und dem Dialog zwischen den Generationen.

Rahmenprogramm

 

Anders als in den Vorjahren, in denen jüdische Zeitzeugen über ihre Erlebnisse erzählten, lag der Schwerpunkt des Programms diesmal auf den unterschiedlichen Formen von Erinnerungsarbeit, seien es der Gesprächskreis, das Denkmal als Markierung im Stadtraum, die Biografie oder der Dokumentarfilm. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie in Bewegung bringen, was - oft ungeahnt - verborgen lag. Eigene Erinnerungen werden wach, möchten weitergegeben werden, können Dialoge eröffnen. Der Blick zurück als ein erster Schritt ist notwendig, um Fragen stellen zu können und die Suche nach Antworten macht schließlich einen perspektivischen Blick in die Zukunft möglich.
Die Veranstalter reagierten damit auf das viel geäußerte Bedürfnis der Ausstellungsbesucher, Orte des Austausches, Mitgestaltungsmöglichkeiten und auch weitere Wege der Spurensuche kennenzulernen.

Die Veranstaltungsreihe begann am 13. März 2007 mit „Stern & Fisch“ –  Juden und Christen im Gespräch in der Tradition offener Lehrgespräche
Seit vielen Jahren gestaltet die Gruppe Gesprächsveranstaltungen zum jüdisch-christlichen Begegnen in der Kultur des Religionsgesprächs. Die Themenkreise werden aus den Fragen und Anregungen des jeweils teilnehmenden Publikums heraus entwickelt.

Am 27. März 2007 fand im Louise-Schroeder-Saal ein Werkstattgespräch der Initiative Stolpersteine Lichtenrade statt. Die Veranstalter berichteten über ihre Erfahrungen mit der Umsetzung der Stolperstein-Denkmale, die der Künstler Gunter Demnig seit 1996 in Berlin anregt. Mittlerweile findet man auch in Köln die kleinen, in Gehwege eingelassenen Messingsteine, auf denen Namen von Deportierten eingraviert sind. Da sich für die Umsetzung einer Stolpersteinlegung interessierte Anwohner zusammenfinden müssen, entsteht ein generationsübergreifender Dialog im Stadtteil.
Bereits am 24. März wurden einige der neuen Stolpersteine in dem regelmäßig von der Geschichtswerkstatt Lichtenrade veranstalteten historischen Rundgang „Direkt vor der Haustür – Berlin-Lichtenrade im Nationalsozialismus“ einbezogen.

 

Am 17. April 2007 gab es eine Lesung unter dem Titel „Das Bayerische Viertel – eine Gegend in Berlin“ mit Textcollagen aus autobiografischen Texten vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre: Leo Baeck, Walter Benjamin, Gertrud Kolmar, Camilla Neumann, Nelly Sachs u. a. Gelesen von Ruth Reinecke und Erich Schwarz.

 

Am 22. April 2007 wurde der Film „return of the Tüdelband - Gebrüder Wolf Story“ (D 2002, 82 Min.) von Jens Huckenriede gezeigt. Der Film erzählt die Geschichte der Hamburger Volksmusiker Gebrüder Wolf, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen mussten. Das Lied „An die Eck steiht n Jung mit’n Tüdelband“ lebte fort, die Geschichte der Musiker blieb unbekannt. Der musikalische Dokumentarfilm folgt der Spurensuche ihres Urenkels Dan Wolf, der in San Francisco lebt uns als HipHop-Musiker die musikalische Tradition der Familie fortführt. Der Filmemacher war bei der anschließenden Diskussion anwesend.

Die Ausstellung wurde vom 29. Januar bis 22. April 2007 gezeigt.

 

 

 

 

 

 

zurück zum Archiv ->