2009

 

 

Wir waren Nachbarn – 126 Biografien jüdischer Zeitzeugen
Themenschwerpunkt: Schweigen und Vergessen

 

Zum fünften Mal eröffnete die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ für drei Monate aus Anlass des internationalen Holocaust-Gedenktages. Und wieder war es gelungen, acht neue biografische Alben ehemaliger jüdischer Nachbarn zu erstellen und einen Zeitzeugen einzuladen. Diesmal war es der Pianist und Komponist Ilja Bergh aus Kopenhagen, der 1934 mit sieben Jahren Berlin mit seinen Eltern verlassen musste. Sein Elternhaus, mit einem Gesangspädagogen als Vater und einer Tänzerin und Bewegungstherapeutin als Mutter, war ein offenes Haus für die Musikerszene der 1920er und 30er Jahre. Berghs weiteres Leben in den Städten Kopenhagen, Riga, Kiew und München liest sich wie das Leben eines Globalplayers in Sachen Neuer Musik, wäre nicht die Flucht und die Verfolgung auch in Dänemark. Ilja Bergh war bei der Pressevorbesichtigung anwesend.

Bei der Gedenkveranstaltung am 25. Januar 2009 im Foyer des Rathauses Schöneberg spielte Ilja Bergh zwei seiner Kompositionen auf dem Flügel. Die schwedische Botschafterin Ruth Jacoby ging in ihrer Ansprache darauf ein, warum es ihr wichtig ist, dass  ein biografisches Album über ihren Vater, der als Anwalt Berlin 1933 verlassen musste, in der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ gezeigt wird.

Das Schweigen und das Vergessen in beiden deutschen Gesellschaften und das Schweigen und Vergessen in den Familien war in diesem Jahr der inhaltliche Schwerpunkt der Ausstellung und des Rahmenprogramms. Ein Beispiel für das Schweigen ist das neue Album über Bertha Markus, das ihre Ur-Enkelin geschrieben hat. Es dokumentiert die mühevolle Annäherung an das in den bürokratischen Nazidokumenten versteckte Schicksal der jüdischen Ur-Großmutter, über das in der Familie nicht gesprochen wurde, weil der Schmerz des Erinnerns an die Umstände ihres Todes vergessen werden sollte.

Die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ war vom 26. Januar bis 26. April 2009 zu sehen.

 

Rahmenprogramm:

31. Januar 2009

Gesprächskonzert mit Ilja Bergh, moderiert von Esther Dischereit

Im Rahmen der Langen Nacht der Museen

 

12. März 2009

Film und Diskussion mit dem Regisseur:

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß (D 2005, 90 Min.)

Dokumentarfilm von Malte Ludin

 

24. März 2009

Film und Diskussion mit dem Regisseur und der Protagonistin Beate Niemann:

Der gute Vater – eine Tochter klagt an (D 2003, 90 Min.)

Ein Dokumentarfilm von Yoash Tatari

 

26. April 2009

Film und Diskussion mit den Filmemacherinnen Gabriele Konrad und Gabriele Denecke:

Meines Vaters Land (D 2007, 45 Min.)

Dokumentarfilm von Wibke Bruhns

 

Wanderausstellung „Die Mädchen von Zimmer 28, L 410, Theresienstadt“

Vom 2. April bis 28. April zeigte das Kunstamt Tempelhof-Schöneberg die Wanderausstellung „Die Mädchen von Zimmer 28, L 410, Theresienstadt“ im Foyer des Rathauses Schöneberg. Am 1. April wurde die Ausstellung offiziell von Kulturstadtrat Dieter Hapel und der Kuratorin der Ausstellung, Hannelore Brenner-Wonschick, eröffnet. Die Eröffnung wurde mit Liedern von Ilse Weber, gesungen von Maria Thomaschke, begleitet.

Zwölf bis vierzehn Jahre alt waren die Mädchen, die von 1942 bis 1944 im „Mädchenheim L 410, Theresienstadt“ zusammenlebten; 30 Quadratmeter für 30 Mädchen, das war das „Zimmer 28“. Sie waren Ghetto-Häftlinge aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“, die nach dem Einrücken deutscher Truppen Schritt für Schritt ihrer Heimat, ihres Eigentums, ihrer Menschenrechte beraubt und schließlich ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Dort trafen ihre Wege aufeinander.

Im Mikrokosmos „Zimmer 28“, Brenn- und Kristallisationspunkt der Ausstellung, spiegelt sich das Schicksal und der Alltag der Kinder im Ghetto Theresienstadt, ein Alltag, der den Kern der nahenden Tragödie bereits in sich barg. Immer wieder wurden Kinder jäh aus ihren Reihen gerissen; sie mussten antreten zum gefürchteten „Transport nach Osten“. Neue Mädchen kamen, neue Freundschaften entstanden - bis auch diese Gemeinschaft durch das gefürchtete Wort „Transport“ auseinander gerissen wurde. Von etwa 60 Mädchen, die vorübergehend im Zimmer 28 lebten, haben nur fünfzehn überlebt. Sie leben heute zerstreut in der Welt – in Israel, Tschechien, Deutschland, in England und in den Vereinigten Staaten. Die Mehrzahl der Mädchen wurde in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.

Neun der Zeitzeuginnen waren auf Einladung von Room 28 e.V. und der Tschechischen Botschaft, unterstützt von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, in Berlin zu Gast und standen im Rahmen der Ausstellung am 22. April Schülerinnen und Schülern ab der 6. Klasse für Gespräche zur Verfügung.

 

 

 

 

 

 

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