2010

 

 

Wir waren Nachbarn – 131 Biografien jüdischer Zeitzeugen
Von der Intervallausstellung zur Dauerausstellung

Themenschwerpunkt: Schulen und Schüler

 

2010 war ein besonderes Jahr für die Ausstellung, denn sie wird nach einem BVV-Beschluss für die nächsten Jahre ganzjährig im Rathaus Schöneberg zu sehen sein und ihren selbstverständlichen Platz in der Berliner Erinnerungslandschaft einnehmen.

28.000 Besucherinnen und Besucher und die überregionale Ausstrahlung dieses Projekts haben die Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten dazu bewogen, dem Bezirk mit einer Anschubfinanzierung von 100.000 Euro bei seinen Anstrengungen zu helfen. Als „stilbildend“ hat sich das Konzept erwiesen, die Geschichte der jüdischen Berliner nicht nur als eine Geschichte von Opfern zu beschreiben, sondern auch als eine von aktiven Bürgern und Nachbarn und die große Leistung der überlebenden Zeitzeugen, welche die Erinnerung wach halten, nicht nur zu würdigen, sondern ihnen einen dauerhaften Ort zu geben.

Die feierliche Eröffnung fand am 24. Januar 2010 mit einer Gedenkveranstaltung aus Anlass des internationalen Holocaust-Gedenktages im Foyer des Rathauses Schöneberg statt. Die Autorin Jenny Erpenbeck las aus Briefen der Schülerin Doris Kaplan, der ein neues biografisches Album in der Ausstellung gewidmet ist.

 

2010 wurde der Schwerpunkt von Ausstellung und Rahmenprogramm auf das Thema jüdische Schulen und Schüler gelegt: Zu den 126 biografischen Alben des Vorjahres kamen u. a. neue über Luise Zickel und ihre jüdische Privatschule und über die Kunst- und Kunstgewerbeschule Reimann in der Landshuter Straße hinzu. Von der Schülerin Doris Kaplan sind viele Briefe an die Eltern erhalten, die von dem schrittweisen Verlust ihrer jüdischen Freundinnen erzählen, bis sie selbst von Berlin aus mit ihrer Mutter ins Ghetto Warschau deportiert wurde. Dort verlieren sich ihre Lebenszeichen.
Clara und Albert Reimann konnten zu ihrem Sohn nach England flüchten. Luise Zickel fühlte sich um ihr Lebenswerk gebracht und zu alt für einen Neuanfang. Sie wurde von Berlin nach Riga deportiert.

Die Ausstellung wird auch in Zukunft als „Work in progress“ fortgeführt, d.h., sie wird jedes Jahr um weitere biografische Alben zu einer bestimmten Thematik erweitert.

 

Rahmenprogramm

 

16. Februar 2010

Vortrag von Helga Gläser in Anwesenheit ehemaliger Schülerinnen:

Jüdische Schulgründerinnen in Berlin zwischen 1900 und 1938

 

16. März 2010

Lesung:

Jenny Erpenbeck liest Passagen aus ihrem Buch „Heimsuchung“ und aus Briefen von Doris Kaplan

 

30. März 2010

Zeitzeugengespräch und Lesung mit Miriam Merzbacher

 

13. April 2010

Zeitzeugengespräch mit Inge Lammel, Rahel R. Mann und Werner T. Angress

Schulerfahrungen vor und nach 1945

 

11. Mai 2010

Film und Diskussion:

Die Welle (D 2008, 107 Min.), Regie: Dennis Gansel

 

3. Juni 2010

Zeitzeugengespräch mit Marion House

 

23. September 2010

Zeitzeugengespräch mit Ilse Treister

 

26. Oktober 2010

Zeitzeugengespräch:

Inge Deutschkron über ihr Buch „Offene Antworten“

 

Sonderveranstaltung aus Anlass des 125. Geburtstags von Kurt Hiller

Gemeinsam mit der Kurt Hiller Gesellschaft veranstaltete das Kunstamt Tempelhof-Schöneberg am 23. November 2010 einen längeren Vortragsnachmittag unter dem Titel „Kurt Hiller – ein Berliner Literat und Jurist“ im Rahmenprogramm der Ausstellung „Wir waren Nachbarn – Biografien jüdischer Zeitzeugen“.

Hiller wurde 1885 in Berlin geboren und hatte seinen Wohnsitz lange in Berlin-Friedenau.
Er war maßgeblich am literarischen Expressionismus und Aktivismus beteiligt. Ab 1920 spielte er in der deutschen Friedensbewegung eine wichtige Rolle und war einer der Hauptautoren der Zeitschrift „Die Weltbühne“. Auf juristischem Gebiet kämpfte er für das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, vor allem im Bereich des Sexuallebens. Nach KZ-Haft und Exil kehrte er erst 1955 nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder, von wo aus er mit dem „Neusozialistischen Bund“ Einfluss auf die bundesdeutsche Politik zu nehmen versuchte. Hiller starb 1972 und geriet in Vergessenheit, sein Nachlass war dreißig Jahre lang unter Verschluss. Durch die Hiller Gesellschaft wurden etliche Materialien aus dem Nachlass erstmals der Öffentlichkeit in einer Ausstellung in Hamburg vorgestellt.

Teilnehmer des Vortragsabends:

  • Dr. Till Böttger, 1.Vorsitzender der Kurt Hiller Gesellschaft: Einführung und Moderation
  • Dr. Wolfgang Beutin, Germanist und Mitstreiter Hillers in den 1960er Jahren: Kurt Hillers "helles Ethos silberner Beschwingung". Vortrag über die Lebensstationen und zum Werk Kurt Hillers
  • Prof. Dr. Dr. hc. mult. Paul Raabe, renommierter Bibliothekar: Kurt Hiller und der Expressionismus. Vortrag und Lesung aus seinen Briefen
  • Dr. Ruprecht Großmann, Jurist und ebenfalls Mitstreiter Hillers in den 60er-Jahren: Vortrag zu den juristischen Schriften: „Das Recht über sich selbst ist auch das Recht der Nachbarn“

Umzug einer Ausstellung

Die Ausstellung „Wir waren Nachbarn – Biografien jüdischer Zeitzeugen“ im Rathaus Schöneberg wurde im Oktober 2010 wegen baulicher Sicherheitsprobleme in der großen glasüberdachten Halle geschlossen.
Mit Unterstützung der Bauverwaltung hat die Ausstellung einen temporären Ausweichort im Rathaus in den ehemaligen Räumen der Willy-Brandt-Ausstellung erhalten.
Am 7. Dezember 2010 wurde sie dort in leicht modifizierter Form wieder eröffnet.

 

 

 

 

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