2011

 

 

Wir waren Nachbarn – 136 Biografien jüdischer Zeitzeugen
Themenschwerpunkt: Jüdische Beamte und Juristen

 

Wie jedes Jahr hat das Kunstamt Tempelhof-Schöneberg als verantwortlicher Initiator und Veranstalter die Erweiterung der Ausstellung 2011 mit einer Gedenkveranstaltung am 23. Januar 2011 zum internationalen Holocaust-Gedenktag, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, verbunden. Kooperationspartner waren dabei - wie schon in den Vorjahren - die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. und die Deutsch-Israelische Gesellschaft e.V., Berlin. Auch in diesem Jahr war es gelungen, wieder einen Zeitzeugen zu finden, der die Ansprache hielt und zugleich mit einem neuen biografischen Album in der Ausstellung vertreten ist: Hellmut Stern, der ehemalige erste Geiger und langjährige Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker, berichtete über seine Flucht mit den Eltern 1938 nach China und weiter über Israel, die USA und 1961 zurück nach Berlin.

Auch das biografische Album von Doris und Gertrud Bloch ist neu hinzugekommen. Gertrud Bloch hat - 2010 aus Amerika kommend – die Ausstellung besucht und wollte unbedingt, dass die Geschichte ihrer Familie in diesem Rahmen gewürdigt wird. Sie konnte erst im Sommer wiederkommen, aber der Autor ihres Albums Piet Faber - auch er Zeitzeuge aus Zwolle/Niederlande - war zur Pressevorbesichtigung am 21. Januar anwesend. Seine Eltern haben die Familie Bloch in den Niederlanden versteckt, bis das Versteck aufflog. Er hat die beiden etwa gleichaltrigen „Mädchen“ gekannt, die glücklicherweise vorher in die USA auswandern konnten und hat ein Leben lang Kontakt zu ihnen gehalten. Ihren in Auschwitz umgekommenen Eltern wurde in der Gedenkveranstaltung in besonderer Weise gedacht.

Eine andere Zeitzeugin ist Marion House, sie war im Rahmen des Jugendprojekts „Gesicht zeigen“ in Berlin. Hier hat sie auch vor und mit Schülern der Rückert-Oberschule gesprochen. Die Jugendlichen haben ihre Gedanken für das neue biografische Album aufgeschrieben, so dass jetzt den Lebenserinnerungen von Marion House Schülertexte gegenüber gestellt sind: Was hätte ich getan? Der Lehrer Peter Kersten stellte das Konzept, das in seiner Einfachheit beeindruckt, vor. Es fordert zur Nachahmung heraus.

Weitere neue biografische Alben sind der Künstlerin Gertrude Sandmann, dem Musikwissenschaftler Ludwig Misch und den Anwälten Fritz und Kurt Ball gewidmet.
Die Autorinnen und Autoren der neuen biografischen Alben waren bei der Gedenkveranstaltung anwesend.

Der thematische Schwerpunkt der Ausstellung "Wir waren Nachbarn" widmet sich 2011 dem Ausschluss von öffentlich Bediensteten und Juristen aus politischen und rassistischen Gründen.

 

Rahmenprogramm

 

29. Januar 2011

Zeitzeugengespräch mit Hellmut Stern (ehem. erster Geiger der Berliner Philharmoniker)

Musikalische Umrahmung durch das Romberg Duo, Potsdam

Im Rahmen der Langen Nacht der Museen

 

Gertrude Sandmann (1893-1981) "Vom Sehen und Leben"
Retrospektive einer Künstlerin und Zeitzeugin

Der Künstlerin und Mitstreiterin der Alten und Neuen Frauenbewegung Gertrude Sandmann (1893-1981) wurde im Haus am Kleistpark vom 11. Februar bis 3. April 2011 eine Retrospektive gewidmet.

Gertrude Sandmann gehörte zu den von den Nazis als „entartet“ verfemten Künstlern und hatte als Jüdin schon ab 1935 offizielles Malverbot. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Kollwitz-Schülerin lange Jahre vergessen. Nun ist Sandmann auf zweifache Weise wieder in Schöneberg präsent, eine späte aber verdiente Ehrung:
In der Kunstausstellung im Haus am Kleistpark mit über 100 Grafiken und Pastellen sowie Dokumenten ihres Lebens (Fotos, Tagebücher, Veröffentlichungen u. a.) und mit einem biografischen Album in der kulturhistorischen Ausstellung „Wir waren Nachbarn – 136 Biografien jüdischer Zeitzeugen“ im Rathaus Schöneberg.

Am 21. Februar 2011 hielt Dr. Claudia Schoppmann einen Vortrag im Rathaus Schöneberg zum Thema „Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“ am Beispiel von Gertrude Sandmann“.

 

„…auf dem Dienstweg“ - Wanderausstellung zur Verfolgung von Mitarbeitern des Öffentlichen Dienstes in der NS-Zeit

Am 27. März 2011 eröffnete im Foyer des Rathauses Schöneberg die Ausstellung „…auf dem Dienstweg“ zur Verfolgung von Beamten, Angestellten und Arbeitern der Stadt Berlin von 1933 bis 1945. Der Kurator der Ausstellung Dr. Dirks führte in die Thematik ein. Im Rathaus ergänzte diese Ausstellung des Centrum Judaicum die Dauerausstellung „Wir waren Nachbarn“. Unter den 136 Biografien jüdischer Zeitzeugen sind auch 17 von Menschen, die von Berufsverbot und in der Folge auch ihre Familien betroffen waren.

 

12. April 2011

Vortrag von Dr. Simone Ladwig-Winters, Historikerin:

1933 – Jüdische Anwälte und Anwältinnen im Strudel der Ereignisse

 

10. Mai 2011

Hellmut Stern kommentierte „Eine Reise nach Harbin – zurück in die Vergangenheit“

Hellmut Stern, Zeitzeuge und langjähriges Mitglied der Berliner Philharmoniker, kommentierte im Kinosaal des Rathauses Schöneberg den Film
„Eine Reise nach Harbin/China – zurück in die Vergangenheit“.
Die Filmaufnahmen entstanden, als Hellmut Stern 30 Jahre nach dem Ende seiner Exilzeit Harbin besuchte.

 

Leo Rosenthal - ein Chronist in der Weimarer Republik

Die Sonderausstellung wurde am 24. Mai 2011 im Foyer des Rathauses Schöneberg eröffnet. Gerichtsreportagen waren in der Weimarer Republik ein journalistisches Genre, das auf ein breites öffentliches Interesse stieß. In dieser vom Landesarchiv Berlin konzipierten Ausstellung, die im Kontext zu der Ausstellungsinstallation „Wir waren Nachbarn - Biografien jüdischer Zeitzeugen“ stand, wurde das frühe fotografische Werk des Gerichtsreporters des „Vorwärts“ Leo Rosenthal (1884-1969) präsentiert. Sie zeigte heimlich aufgenommene Fotografien aus dem Gerichtssaal in der durch soziale und politische Umbrüche geprägten Zeit zwischen Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Leo Rosenthal erfasste mit seiner Kamera insbesondere Prozesse mit politischem Hintergrund,

u. a. gegen den Sexualreformer Magnus Hirschfeld und den später von den Nationalsozialisten verfolgten Rechtsanwalt Hans Litten. Im April 1933 musste der Jude und Sozialdemokrat Leo Rosenthal Deutschland verlassen. In New York arbeitete er später als Fotograf, u. a. für die Bildagentur PIX und bei den Vereinten Nationen.

Neben den Fotografien vermittelten biographische Materialien, unter anderem aus seiner Entschädigungsakte, einen Eindruck von dem Leben des Juristen, Journalisten und Fotografen Leo Rosenthal.

Die Ausstellung war vom 25. Mai bis 29. Juni 2011 im Foyer des Rathauses Schöneberg zu sehen.

 

28. Juni 2011

Vortrag von Klaus-Dieter Gössel:

Erziehung zum Staatsdiener – Beamtentum im Nationalsozialismus

 

“Die Reichsbahn und die Juden 1933-1939“

Im Rahmenprogramm der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ eröffnete am 11. Oktober 2011 die Ausstellung “Die Reichsbahn und die Juden 1933-1939“ im Foyer des Rathauses Schöneberg. Zur Eröffnung hielt Dr. Alfred Gottwaldt einen Vortrag im Goldenen Saal.

Die Deutsche Reichsbahn gehörte zu den großen öffentlichen Arbeitgebern und war damit von Anfang an in die schrittweise Ausgrenzung und Entrechtung der Juden eingebunden. Bereits die ersten Maßnahmen im Jahr 1933 setzte sie unter ihrem Generaldirektor Julius Dorpmüller willig um: Entlassung der jüdischen Eisenbahnbeamten, später dann Boykott jüdischer Lieferanten, Arisierung von Grundstücken aus jüdischem Besitz und die Diskriminierung jüdischer Fahrgäste. Die Reichsbahn war von Beginn an verantwortlich für Transporte in die Konzentrationslager, wie zum Beispiel nach Dachau und Buchenwald sowie  für die Deportationen polnischer und deutscher Juden vor und nach dem 9. November 1938.
Dr. Alfred Gottwaldt (Kustos am Deutschen Technikmuseum Berlin) beschrieb diese Zusammenhänge auf Grund jüngster Forschungen und vertiefte sie am Beispiel verschiedener Biographien.

 

 

 

 

 

 

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