Jahresprogramm 2014

 

Ein Deutscher und ein Franzose, beide Juden, beide Soldaten, treffen im Ersten Weltkrieg irgendwo in einem Wald, nahe der Front, aufeinander. Der Schreck ist groß. „Schma Israel“, stößt der eine aus, ein Gebet in Angst und Not, das auch der andere versteht. „Schma Israel“, murmelt der ebenfalls, „warum sollen wir aufeinander schießen?“ – „Weil dein Kaiser ein Schwein ist.“ – „Was, dein Präsident ist das Schwein.“ So gehen die Vorwürfe hin und her, auf Schma Israel – höre Israel – folgt die nächste Beleidigung. Am Ende fallen Schüsse und beide Kontrahenten sind tot.

So zitiert die Israel-Korrespondentin der Frankfurter Rundschau am 20.9.2013 Avi Primor, den langjährigen israelischen Botschafter in Berlin, der diese Szene als Student in einem israelischen Theater – als lustigen Sketch inszeniert – gesehen hat. Dies war für ihn eine Schlüsselszene, die ihn sein Leben lang begleitet hat, und die nun im Alter zum Kern seines ersten Romans wurde:

„Süß und ehrenvoll“, Berlin 2013. Im Roman wird diese Szene anders erzählt. Aber auch hier geht es um zwei junge Soldaten, die sich an der Front als deutsche und französische Soldaten nichts sehnlicher wünschen, als für ihren Patriotismus in ihren Ländern als gleichberechtigte Bürger anerkannt zu werden. „Wir, die Leser, wissen“, so kommentiert Avi Primor später, “was danach passiert ist, aber die Protagonisten wissen es nicht“. 

Coco Schumann im Strandbad Wannsee
Coco Schumann (mit Gitarre) ca.1942. Ohne Stern war er mit Freunden ins Strandbad Wannsee gekommen, das Juden nicht betreten durften, Foto: Privat

Coco Schumann

 

Wer den Swing in sich hat, der kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren …

Dieser schon legendäre Satz des Berliner Jazzmusikers Coco Schumann bringt sein Lebenseinstellung und die seiner Freunde zum Ausdruck. In der NS-Zeit entstand daraus eine jugendliche Widerstandshaltung gegenüber dem von den Nationalsozialisten bis ins Detail organisierten und kontrollierten Alltag. Jazzmusik galt als „undeutsch“ und war verboten. Aber die Freunde hörten die Musik nicht nur.

Schon als 16-Jähriger stand Coco Schumann 1939 als Schlagzeuger und später als Gitarrist auf der Bühne. Damit war er dreifach gefährdet: Verboten, war die Musik, verboten war, als Jude öffentlich aufzutreten und verboten war vor allem, keinen Stern zu tragen. 

Bis zu einer Denunziation 1943 hielt Schumann dieses gefährliche Leben durch. Auch sein nicht-jüdischer Vater konnte seine Deportation nach Theresienstadt und später nach Auschwitz nicht verhindern.

Bei der Gedenkveranstaltung am 26. Januar 2014 im Rathaus Schöneberg, aus Anlass des internationalen Holocaust-Gedenktages wird Coco Schumann über diesen weitgehend unbekannten, zuallererst kulturell motivierten, jugendlichen Widerstand sprechen und darüber, wie ihm die Musik das Leben rettete: als Ghetto Swinger und als Musiker am Lagertor von Auschwitz-Birkenau. Und er wird erzählen, wie ihm die Musik die Kraft gab, nach dem Krieg und bis zu seinem 89. Lebensjahr aufzutreten. Dass nun auch sein biografisches Album neben 147 anderen in der Ausstellung liegen wird, macht ihn stolz, regierte in diesem Rathaus doch der von ihm sehr verehrte Willy Brandt, für den er 1961 im Wahlkampf auftrat.

Paul Bernstein und Johanna Moosdorf
Paul Bernstein (X) und Johanna Moosdorf (X) mit Lehrern und Schülern auf einem Ausflug, 1931, Foto: Privat

Paul Bernstein und Johanna Moosdorf

 

In jedem Jahr, seit die Ausstellung WIR WAREN NACHBARN im Rathaus Schöneberg 2005 eröffnet wurde und seit 2010 als Dauerausstellung zu sehen ist, sind neue biografische Alben von Zeitzeugen hinzugekommen. Zunehmend entwickeln sich neue Kontakte über die zweite Generation. 

So ist auch das neue Album entstanden, das Paul Bernstein gewidmet ist. Sein heute 76-jähriger Sohn hat seit einigen Jahren an einem „family-report“ geschrieben, der zur Grundlage für ein neues Album in der Ausstellung wurde. 

Bereits vor 1933 hat Paul Bernstein als Politologe die Gefahr des aufkommenden Nationalsozialismus erkannt und sich in der Erwachsenenbildung der Arbeiterjugendbewegung engagiert. Dennoch blieb er, auch als die Gefahr größer wurde, in Deutschland, in Berlin, wo er in den letzten Jahren jüdische Auswanderer unterrichtete, bevor er schließlich zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde.

Seinen Sohn, der heute in den USA lebt, treibt bis heute die Frage um, warum der Vater, der das System des NS als politisch engagierter Intellektueller durchschaut hatte, nicht zusammen mit seiner nicht-jüdischen Frau und den beiden Kindern das Land verließ.

Paul Bernstein wird 1944, ein Jahr nach seinem älteren Bruder Richard, deportiert. Beide werden in Auschwitz ermordet. Ob Paul Bernstein gehofft hatte „vom Schlimmsten verschont zu bleiben“, weil er im Ersten Weltkrieg als junger Freiwilliger an der Ost- und Westfront als deutscher Soldat gekämpft hatte und mit verschiedenen Auszeichnungen und Verwundungen zurückgekehrt war?  Wir wissen es nicht. Seine Frau, die später als Schriftstellerin Johanna Moosdorf bekannt wurde, schreibt an ihre Kinder in die USA, dass seine Liebe zu Deutschland „unzweifelhaft seine größte Schwäche“ war.

 

Werner Silberberg
Fußballgruppe mit Werner Silberberg (Mitte) ca.1937 in Berlin, Foto: Privat

Familie Silberberg

 

Schon im September 1938 musste die Familie Silberbergder ein weiteres neues Album gewidmet ist, das Land in Richtung Shanghai verlassen. Der Vater Walter war im Juni 1938 für zwei Monate ins KZ Sachsenhausen verschleppt worden.

Das Leben der etwa 16 000 überwiegend jüdischen Flüchtlinge in Shanghai war zu dieser Zeit von Armut geprägt. Aber der Vater hatte Glück. Er bekam Arbeit in einer chinesischen Gummifabrik, weil er dort seine Kenntnisse als ehemaliger Selbstständiger in diesem Gewerbe – auf der Schöneberger Roten Insel – einbringen konnte. Der Sohn Werner begann noch in China zu studieren und konnte sogar seiner Leidenschaft als Fußballer – wie schon in Berlin – nachgehen. 

Für Werner, der sich später Warner Bergh nannte, waren die Shanghai-Erfahrungen in den USA, wohin die Familie nach dem Krieg auswanderte, sehr nützlich. Heute lebt er mit seiner Familie in Iowa. 

Auch sein Vater Walter Silberberg hatte zu den Soldaten des Ersten Weltkriegs gehört.

Moritz Lewin
Moritz Lewin während des 1. Weltkriegs, 1916, Foto: Privat

Erster Weltkrieg

 

Im Jahr 2014 erinnern wir in der Ausstellung WIR WAREN NACHBARN an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Im Laufe des Jahres werden wir der Frage nachgehen, was dies für die jüdischen Soldaten und ihre Familien bedeutet hat. In zahlreichen biografischen Familienalben wird ausdrücklich berichtet, dass der Großvater oder Vater deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg war. Nicht selten ist es ein Teil der Familienerzählung, dass es zu Beginn der NS-Zeit noch Ausnahmen von diskriminierenden Maßnahmen gab, welche z.B. die Familien von ehemaligen „Frontkämpfern“ noch einige Zeit vom Berufsverbot verschonte oder den Kindern den Besuch von öffentlichen Gymnasen etwas länger erlaubte als anderen jüdischen Mitschülern. Unter den 148 Biografien in der Ausstellung finden sich einige, in denen erwähnt wird, dass die Väter, bzw. die Großväter bis zum Schluss glaubten, „sie würden nicht abgeholt“.

Wie Moritz Lewin, der Vater von Johny Lewin, der seinem Sohn geraten hatte, nach Südamerika ins Exil zu gehen und selbst zusammen mit seiner Frau 1942 mit einem sogenannten „Alterstransport“ nach Theresienstadt und von dort nach Trostinec deportiert wurde. 

Es gibt auch Biografien, wie die von Kurt Hiller, in der sein frühes pazifistisches Engagement in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) thematisiert wird.

Auch der Journalist Erich Kuttner hatte sich – wie viele Sozialdemokraten – zunächst gegen den Krieg ausgesprochen. Kurz vor Kriegsbeginn aber hatte er, zusammen mit seinem Freund Ernst Heilmann, wie er selbst später Mitglied des Preußischen Landtags, zur „Pflichterfüllung für das Vaterland“ aufgerufen. 1917 gründete er als Betroffener den „Reichsbund der Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten“ als eine Art Selbsthilfeorganisation. Erich Kuttner, der in der NS-Zeit in die Niederlande emigrieren musste, wurde nach Mauthausen verschleppt,wo er unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.

Diese Biografien sind, insbesondere hinsichtlich der Einschätzungen zum Krieg, so widersprüchlich wie diese Zeit. Auch in der von Kurt Pinthus herausgegeben Anthologie Menschheitsdämmerung von 1920 spiegelt sich die Zerrissenheit dieser Epoche. Von den in dieser Anthologie vertretenen 23 expressionistischen Dichtern wurden allein fünf im Ersten Weltkrieg getötet. Kurt Pinthus, der später in die USA emigrierte, ist in der Ausstellung seit 2005 ein biografisches Album gewidmet.

 

 

 

 

 

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