Zwangsarbeit
Motzstr. 90
Staatliche Augusta-Schule (heute: Sophie-Scholl-Oberschule)
Georg und Elsa Cohn hatten im Dezember 1917 geheiratet. Schon bald wurden die Töchter geboren, die später die Staatliche Augusta-Schule in der Elsholtzstraße (heute: Sophie-Scholl-Schule), Jutta zuletzt die Chamisso-Schule, besuchten.
Die Familie pflegte einen gehobenen bürgerlichen Lebensstil, veranstaltete regelmäßig in ihrer Wohnung Gesangsabende. Der deutlich erkennbar jüdische Familienname Cohn wurde in den 1920er Jahren durch Lempert ergänzt, den Mädchennamen der Mutter Georg Cohns. Er war Scheidungsanwalt, hatte unter anderem Emil Jannings bei dessen drei Scheidungen vertreten.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 entging Georg Cohn-Lempert als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs zunächst dem Berufsverbot für jüdische Anwälte. Das Notariat wurde ihm jedoch entzogen. 1938 musste er dann aber, wie alle noch verbliebenen jüdischen Anwälte, zwangsweise seinen Beruf aufgeben.
Seine Tochter Inge hatte 1934 die Schule kurz vor dem Abitur als Jüdin verlassen müssen. Sie arbeitete dann noch einige Zeit in der Kanzlei ihres Vaters.
Elsa Cohn-Lempert war Christin, die Familie lebte nicht religiös. Später hielt Inge Cohn-Lempert noch den Etrog-Behälter in Ehren, der dann als Zuckerdose genutzt wurde.
1939 ließ sich Georg Cohn-Lempert mit seiner Tochter Inge unerlaubterweise taufen, in der Hoffnung, sie damit zu schützen.
Georg Cohn-Lempert musste Zwangsarbeit leisten. Nachdem die Wohnung in der Motzstraße ausgebombt worden war, zogen er, seine Frau, Tochter Jutta und deren Kind, sowie die Schwiegermutter nach Krumhübel (heute Karpacz, Polen) im Riesengebirge, wo er untergetaucht überlebte. Inge Cohn-Lempert musste als sogenannter Mischling zwangsweise in verschiedenen Betrieben arbeiten. Ihren langjährigen Lebenspartner durfte sie nicht heiraten, weil er nicht jüdisch war. Er fiel als Soldat während des Zweiten Weltkriegs.
Nach Ende des Krieges gelang es der Schwester Jutta, mit Kind und Großmutter nach Berlin zurückzukehren. Georg Cohn-Lempert und seine Frau durften erst Ende der 1950er Jahre ausreisen, wo er sich in Berlin wieder als Anwalt niederließ.
(1922-2022 )
Innsbrucker Str. 58, Bamberger Str. 22 (sog. „Judenwohnung“, letzte Wohnung vor dem Untertauchen)
Autorin, Publizistin
Nach erzwungenem Schulabbruch und Zwangsarbeit, ab 1942 Anstellung in der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Mit Mutter ab 1943 untergetaucht. Nach dem Krieg in London, ab 1955 Journalistin u. a. in Bonn, Korrespondentin für Maariv/Israel. Ab 1972 in Tel Aviv. Ihr Buch „Ich trug den gelben Stern“ (1978) wurde als Jugendtheaterstück „Ab heute heißt Du Sara“ 1989 am Grips-Theater in Berlin und später in vielen Städten und Sprachen gespielt. Seit 2001 endgültige Rückkehr nach Berlin. Als engagierte Zeitzeugin Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der politischen Öffentlichkeit (Gedenkrede aus Anlass des internationalen Holocaustgedenktages 2013 im Deutschen Bundestag). Initiatorin des Museums „Blindenwerkstatt Otto Weidt“ und des Gedenkorts „Stille Helden“ in Berlin-Mitte.
(1894 - 1943)
Speyerer Str. 10 (heute Münchener Str.)
Schriftstellerin, Lyrikerin
Veröffentlichte seit Anfang der 1920er Jahre Gedichte unter dem Künstlernamen Kolmar. Umfangreicher Briefwechsel mit der Schwester in der Schweiz. Wohnte zuletzt mit ihrem Vater Ludwig Chodziesner in einer sogenannten „Judenwohnung“. Zu Zwangsarbeit verpflichtet, wurde sie im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“ am 27.2.1943 am Arbeitsplatz verhaftet und wenige Tage später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Viele ihrer Werke wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht.
Sie gilt heute als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen.
Stolperstein: Münchener Str. 18 a
(1892-1965)
Heilbronner Str. 26
Krankenschwester
Tochter Ursula (später Susan) emigriert als Lehr-Krankenschwester 1938 nach Großbritannien, später in die USA. 1941 Zwangsarbeit von Ludwig und Camilla Neumann. Nach der „Fabrikaktion“ 1943 Deportation von Ludwig Neumann nach Auschwitz. Camilla Neumann geht daraufhin 1943-1945 in die Illegalität und wird von verschiedenen Personen in Berlin versteckt. 1946 „Erlebnisbericht aus der Hitlerzeit“, 1949 Auswanderung in die USA.
Ihr früher Erlebnisbericht (1946) wurde in Auszügen in „Orte des Erinnerns Band II, Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel“, Hg. Kunstamt Schöneberg, 1999 (2. Auflage) veröffentlicht.